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Mehercule, der Preis wofür

  • Autorenbild: holunderfraubrigit
    holunderfraubrigit
  • 31. Juli
  • 5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 1. Aug.

Ein wahres Blitzlichtgewitter, gebrüllte Reporterfragen und das ohrenbetäubende Tuten einiger Gashupen schlugen sinnbildlich auf den Manager ein. Was als Weigerung der Belegschaft, als ein Ärgernis für die Chef-Etage begann, hatte sich schnell als ein Skandal entpuppt, der weit über die Landesgrenzen hinaus Aufmerksamkeit erhielt.

Der Betriebsrat wollte von nichts gewusst haben. Mit Frühschichtbeginn am Dienstag weigerten sich die Arbeiter geschlossen, Schalter und Leiterplatten von nun an in oliv zu produzieren. Erklärungen gab es nicht, nur ein schlichtes „Nein. Wir bauen keine Waffen.“.


Eine Katastrophe


Die Folgen dieser strikten Weigerung waren fatal. Arbeitsverweigerung. Allen Beteiligten droht die Kündigung. Allen – das wäre das Aus für den Betrieb. Mit hochrotem Kopf rang der Geschäftsführer um Erklärungen, sprach von „Zwängen“, suchte nach einer „einvernehmlichen Lösung“. Vergeblich. Er scheiterte bei jedem Versuch, die Männer und Frauen vom Band umzustimmen.

„Wir verlieren alle unsere Existenz. Wir werden alle arbeitslos. Sie, und ich auch. Wir sitzen doch alle in einem Boot! Und wenn wir es nicht machen, finden sie einen anderen“, rief er der Belegschaft zu.


Da standen sie, manche weinten, manche ballten die Faust, andere schnauften emotionsvoll. Aber sie standen, einer neben dem anderen, kerzengerade, fast stolz, fast wie vor ihrem eigenen Galgen. Innerlich waren sie zutiefst erschüttert, und doch standen sie fest.

Ihre Antworten waren so einfach, und so wahrhaftig: „Chef, wenn wir Krieg haben, ist das alles nichts mehr wert“, „Wir haben nicht viel, aber Sie, Chef, werden ihr Geld auf die Straße werfen. Aber es wird ihnen nicht mehr helfen“, „Wenn wir jetzt nicht Nein sagen, macht’s keiner“.

 

Sie ließen sich nicht umstimmen. Sie blieben standhaft. Und jetzt musste er, Geschäftsführer von ExampleTec der Presse und der Weltöffentlichkeit das schier Unerklärliche erklären. Für den schweißgebadeten Mann war es „eine Katastrophe!“, am liebsten wäre er im Erdboden versunken.


Mehercule, Rückgrat hat seinen Wert, aber es hat auch seinen Preis...


Der Fremde stand starr in einer Gruppe von Neugierigen. Er fühlte tiefen Respekt vor dem Mut und der Courage der Arbeiter, und er fühlte Mitleid mit dem Geschäftsführer. Doch selten hat er einen Mann gesehen, der sich so tapfer in den harten Bug-Wind stellte und einsam da ausharrte, wo andere geflohen wären und den Lakai geschickt hätten. Diese Szene erinnerte ihn schmerzlich an Dinge, die er gerne vergessen wollte.


Mehercule, ...und wenn Rückgrat den Preis nicht wert ist, dann ist es nicht Rückgrat.


Noch ahnte der Fremde nicht, welchen Preis er selbst bald würde zahlen müssen.


Der Szene den Rücken kehrend, während er noch in den Gedanken versunken war „Was ist der Mensch ohne Rückgrat?“ ging er zunächst jedoch in Richtung Innenstadt.


Fußgängerzone


Ein herzerfrischender, wenn auch sehr schiefer Gesang, begleitet von einem eher laienhaften Saitenspiel zog ihn an. Mit Musik und im ersten Sonnenlicht des Tages wirkte das etwas heruntergekommene Stadtzentrum fast idyllisch. Ebenso der Musikant, ein dünner junger Mann, schwarze Kleidung, Gitarre und eine bunt eingefärbte Crista, wie ein Helmbusch, wie eine mittige Fontäne auf dem Kopf.


Eine Menschengruppe hatte sich um ihn gebildet, junge Frauen in ebensolcher Kleidung neben Frauen in bodenlangen Röcken aus Baumwolle, die barfuß tanzten, neben offen lächelnden alten Frauen. Menschen in kurzen Hosen neben elegant gekleideten Leuten, dazwischen Kinder, Halbwüchsige, Greise. Jeder mit jedem. Mitten drin der Fremde.


Plötzlich bahnte sich ein Irgendjemand seinen Weg durch die Menge, ging auf den Musikant zu und begann ihn zu beschimpfen: „Assozialer“ war noch eines der milden Worte. Die Menge schwieg. Doch, inspiriert vom Saitenspiel des jungen Mannes mit der Crista ohne Helm, bewegte der Fremde seinen Fuß, dann mal seine Hüfte, mal seinen Kopf im Rhythmus der Musik. Als er es bemerkte, achtete er auf seine gerade Haltung.

Aber die Menschen um ihn herum fingen – dem Pöbler zum Trotz, einer nach dem anderen alle an zu tanzen. Sie tanzten mit wachsender Freude, auch dann noch, als der Pöbler schon weggegangen war.

Aber bald zeigten sich mehrere Polizisten. Der Pöbler ging hinter ihnen. Genungtuung lag über seinem Gesicht. Die Tanzenden sahen ihn kurz an, drehten ihm dann tanzend den Rücken zu. Sie schenkten weder dem Pöbler noch den eintreffenden Polizisten Beachtung. Keine Diskussion. Keine Rechtfertigung. Sie skandierten nicht ihre Friedfertigkeit. Sie tanzten einfach lächelnd weiter.


Mehercule – Und es ist doch wahr: Da ist Rückgrat in der Stadt.


Gashupenlaut

oder flüsterleise

kann es herzerfrischend

und miteinander tanzend sein.

Rückgrat.


Sein Preis


Um zu seinem Ruheort zu gelangen, musste der Fremde zunächst einen großen Platz mit einer Stehle in der Mitte überqueren. Manchmal kamen dort Leute zu einer Kundgebung zusammen. So schien es auch heute. Er kannte das und ging weiter, auf die Stehle zu. Zu spät erkannte er, dass die Situation heute aus dem Ruder lief. Zwei Lager hatten sich gebildet. Die einen brüllten: „Keine Wehrpflicht!“, „Kein Krieg“. Die anderen brüllten: „Jugendsteuer!“, „Nicht-Leister sollen zahlen“. Der Fremde stand mittendrin. Sein Herz raste, sein Brustkorb hob und senkte sich heftig und schnell mit jedem Atemzug. Er schwitzte. Vor seinen Augen verschwamm alles wie in einer Gischt aus Blut, Rauch und Staub.


Wegen eines Kameraden würde er jetzt sagen: „Subit memoria proelii“ / „Plötzlich kommt die Erinnerung…“, aber er konnte es nicht. Er verlor die Kontrolle und fing an, laut, mit fester Stimme, fast im Befehlston zu brüllen. Unüberhörbar: „Te-nete or-dinem!“, „Me-dieum aper-ite!“ / „Haltet die Formation!“, „Mitte öffnen!“.

Der Platz verstummte fast augenblicklich. Man konnte einzelne Leute flüstern hören. „Ach du liebe Zeit“, „Was ist denn mit dem“, „Flashback“, „Der kommt aus dem Krieg. Der hat einen Flashback“. Mit der Stille fand der Fremde seine Fassung allmählich wieder. „Audi-te me…“, er schluckte: „Hört mich an“, sagte er und atmete zwei mal tief durch. Die Menschen auf dem Platz schwiegen. Sie klebten an seinen Lippen.


Einige gingen langsam auf ihn zu, wollten ihn trösten, ihn beruhigen, ihn berühren. Doch er nahm seine gerade Haltung ein und sprach weiter: „Hier, wo ihr steht, da war ich auch. Mit Parole. Mit der Gewissheit: Die anderen tragen die Schuld.“ Er drehte sich ein wenig, breitete seine nach oben geöffneten Handflächen aus und sagte: „Ich gestehe: Ich habe Befehle gegeben, habe Befehle ausgeführt. Der Preis: Ich kann es nicht hinter mir lassen. Die Last ist schwer“. Er seufzte hörbar.

„Mehercule“ / „Beim Hercules“. Es klang wie ein Fluchen, wütend.


Seine Stimme klang vehement: „Geht zusammen oder schlagt euch. Aber sucht nicht die Schuld beim Anderen“. Die Masse schwieg. Die Gesichter der Menschen spiegelten Entsetzen, Zuneigung und den Wunsch zu Trösten, Angespanntheit, ehrliches Interesse, während der Fremde seine Rede fortsetzte: „Die Arbeiter von ExampleTec haben Nein gesagt. Und sie wussten, es kostet sie alles. Das ist Leisung“. Er schluckte und fuhr fort: „Wehrpflicht? Jugendsteuer? Noch nichts geleistet? – Dann leistet. Steht gerade. Kein Lamento“.


Der Fremde, nun mit Gesicht und Geständnis, hätte ihr Held sein, ein wenig Ruhm und Zugehörigkeit erfahren können. Doch zog er es vor, ihnen seine Wahrheit vor die Füße zu werfen, sich herumzudrehen und weg zu gehen. Alleine. – Vermutlich haben sie ihn nicht verstanden. Er blieb gerade, blieb bei sich und er wollte niemandes Held sein.



Erfahrung,

ein Wissensgipfel.

Einsamer Blick hinab.

Niemandes Held sein wollen.

Rückgrat.


Ein Zeugnis über Rückgrat, Einsamkeit und den Preis für ein Nein. Als er im Park zusammenbrach und doch aufstand.
Ein Zeugnis über Rückgrat, Einsamkeit und den Preis für ein Nein. Als er im Park zusammenbrach und doch aufstand.


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