top of page

Mehercule wessen Wahrheit

  • Autorenbild: holunderfraubrigit
    holunderfraubrigit
  • 27. Juli
  • 5 Min. Lesezeit

Hitze, Hupen, schimpfende Menschen. Der Fremde ging auf einem gepflasterten Weg an einer schier endlosen Auto-Schlange entlang. Da standen sie nun still, die rasenden Feuerwagen, ihre Lenker der Sommerhitze, dem Durst und einer unterdrückten Notdurft ausgeliefert. Er kam zu einem unwirtlichen, fast apokalyptischen Ort. Rot-weiße Tafeln riegelten den Platz ab, der einst eine breite Straße war. Er sah Bagger, die wie große, eiserne Drachen die Straße aufrissen, ihren Asphalt frassen und auf große Wagen ausspuckten. Auf der linken Seite führte eine schmale Gasse die Wagenmassen nur langsam um die Szene herum.


Auf großen Tafeln stand stolz:


„Wir bauen für Sie

ein Mobilitätskonzept.

Mehr Lebensqualität.

Mehr Orte der Begegnung.

Ihre Stadtverwaltung“


Vor dem Platz stand ein Bäcker unter zwei auf seinen einstigen Parkplätzen gepflanzten Ebereschen. Er sprach von Stillstand, vom Verlust der gut zahlenden Kundschaft aus den Bürotürmen der Stadt.

Andere freuten sich auf den neuen „Begegnungsraum“ und „Erlebnisraum“ und auf schönere Wege zu Fuß oder mit zwei Rädern. Frustrierte Pendler sprachen von Umwegen und Zeitverlust. Vorwürfe flogen durch die Luft: „Egoismus“, „Materialismus“, „Ideologie“, „Wutbürger“, „woke Spinner“, „verpisst euch“.


So viele neue Worte wie giftige Pfeile. So wenig Rat. Jeder will alles, aber ein anderer soll den Preis zahlen.


Er schwieg, während sein geschultes Auge im Hintergrund Schilde und Helme sah, eine Formation von Polizisten musterte, die sich bereit machten, die Streitenden zu trennen. Sie sollten für ein harmonisches Stadtbild sorgen.

Er dachte an die Worte, die ein alter Vertrauter gesagt hatte: „Genug ist genug“. Da war Wachstum kein Versprechen. Es war ein Kredit. – Wehe dem Tag, an dem er fällig wird.


Mehercule -

Harmonie

durch Schweigen.

Schafft es Herrschaft

oder Einheit oder Frieden?

Deutungshoheit.



Fokus in Vergrößerung


Der Mann füllte seine Wasserflasche, als er das Haus verließ, um draußen einen Platz zum Verweilen zu finden. Über seinen hellen Jeans trug er ein beiges, langes Hemd, das seinen Schritt bedeckte. Um seinen Hals lag wieder dieser Schal, zu warm für die Jahreszeit, aber eine Art Bedeckung, unter der er sich auf beruhigende Art ein wenig unsichtbar in dieser fremden Stadt fühlte.


Am nächsten Tag hatte sich wieder eine Gruppe vor dem Bäcker gebildet. Junge Leute hielten professionell gestaltete Plakate hoch, wie diese: „Wir sind alle“, „Gegen rechten Wirtschaftsimperialismus“, „Lebensraum statt Wirtschaftsraum“, „Querulanten töten“. Ein Fotograf hielt die Szene aus allen Winkeln fest. Kurz darauf durchdrang die Botschaft die Welt der Spiegel, das Internet und die Nachrichtensendungen:


Menschen erobern sich ihre Stadt zurück. Die Stadt schafft neue Lebensräume. Nachdem Wutbürger gestern ihrem Ärger dagegen Luft gemacht hatten, fand heute am Bäcker-Platz eine Großdemonstration statt. Einige Plakate waren nun überall im Land zu sehen: „Wir sind alle“, „Raum für Menschen“, „Autos zerstören Lebensräume“. Nach den Plakaten kam der Bäcker zu Wort: „Auch ein Bäckerladen ist Lebensraum“, „Auch hier begegnen sich täglich die Menschen“. Der Moderator schloss mit der Frage: „Feinkost-Bäckerei oder Sitzbänke für alle?“. Ende der Reportage. Es folgte Werbung.


Mehercule -

Menschen,

sie diskutieren,

streiten, Demonstranten plakatieren.

Betroffener antwortet. Die Presse?

Gewichtung.



Wo Schweigen Deutung wird


Der Fremde glaubte, einen Platz zum Ausruhen gefunden zu haben. Er ließ sich auf einer Bank nieder, die in einer Art Park zwischen hohen Wohnhäusern und kleinen Läden im Erdgeschoss stand. Der von ein paar Bäumen umsäumte Platz wirkte idyllisch, ein Stück Wiese, Turn- und Spielgeräte, Flächen mit feinem Sand, ein Ehepaar mit Hund, einige Kinder und am Rand auf den Bänken: Zwei Mütter, die das Ehepaar argwöhnisch zu beobachten schienen.


Zwei Knaben spielten mit einer Plastik-Form, kleinen Schippen und einem niedlichen Eimerchen im Sand. Sie türmten kleine Hügel auf, um sie dann wieder platt zu klopfen und neue Hügel aufzutürmen. Ein Idyll, bis zwischen den Kindern ein lauter Streit um den Eimer entbrannte. Der lockige Junge warf schließlich dem Kurzhaarigen Sand ins Gesicht. Tränen. Geschrei.


Die Mutter des kurzhaarigen Jungen mischte sich sanft aber bestimmt ein: „Nein“, sagte sie, „das tun wir nicht. Wir werfen nicht mit Sand nach anderen Kindern“.

Das aber empörte die Mutter des Lockigen: „Das ist ein Kind. Hallo. - Er hat halt sehr viel Energie. Dafür muss man doch Verständnis haben. Wir erziehen nicht mit Verboten. Das sind Nazi-Methoden“.


Der Fremde horchte auf.


Die Mutter des Kurzhaarigen erhob sich, griff nach ihrer Tasche, ging auf die Jungen zu, nahm ihr Kind an die Hand und ging wortlos weg.


Im Hintergrund der Szene grölten und lachten noch immer ein paar Halbwüchsige – offensichtlich auch sehr engergievoll, während sie sich gegenseitig Glasflaschen zukickten. Kaum hatte die Mutter des Kurzhaarigen den Spielplatz verlassen, geschah das Unheil. Während der lockige Junge singend, den Oberkörper rythmisch in beide Richtungen wiegend die Rutsche hinauf stieg, zerbrach mit einem lauten Klirren am Ende der Rutsche eine Flasche. Die Mutter schrie.


Der Fremde hatte alles mit angesehen. Er wirkte äußerlich entspannt. Seine Arme ruhten weit ausgebreitet auf der Lehne seiner Bank. Doch seine Gedanken tobten. Er presste seine Lippen aufeinander, und seine Worte konnten den Weg aus seinem Mund nicht finden, er dachte:

„Wo die Törichten Richter über Wort und Hand sind, wird die Stunde kommen, in der sie ihre eigene Suppe kosten“.


Mehercule –

Zeitgeist

tauscht Worte aus,

ändert der Welt Klang

nach Belieben.

Deutungshoheit.


Der Junge fing an, heftig zu weinen. Der Fremde hob seine Wasserflasche hoch und schüttelte sie leicht nach rechts und links, den Arm in Richtung der Mutter gestreckt. Erleichtert nahm sie das Kind an die Hand und ging zu ihm.


Er schaute dem Kleinen in die Augen: „Pssst. Singe“. Er nickte und wiederholte mit sanfter Stimme: „Singe“.


Der Junge sah ihn verblüfft an, fing dann - anfangs noch schluchzend, dann aber ruhiger - zu singen an: „La-la-la-la-la...“ nach der Melodie eines Kinderliedes, während der Fremde ihm die Wunde auswusch. Seine Bewegungen waren sanft aber erstaunlich geübt, so als hätte er das schon hundert Mal getan. Als er fertig war, nickte er dem Kind lächelnd zu und hob den Daumen: „Gut. Kleiner.“.

Die Mutter bedankte sich und ging mit dem Kind zum Auto.


„Mama, ist der Mann lieb?“ fragte der Junge. Die Mutter kannte die Wahrheit, schwieg aber. Zu kompliziert, nicht kindgerecht. Und wie sollte sie der Mutter des Kurzhaarigen die Haltung dieses mysteriösen Fremden erklären? Sie öffnete ihre Kühltasche und wandte sich ihrem Kind zu: „Hier, nimm ein Stück Käsekuchen.“.


Mehercule –

Mutter

kennt die Wahrheit,

schweigt aber.

Zu kompliziert,

nicht kindgerecht.

Käsekuchen.


Mehercule, wessen Wahrheit? Ein geheimnisvoller Fremder beobachtet uns. Gesellschaftskritik in kreativer Schreibweise. Nicht belehrend. Bild mit KI erstellt.
Mehercule, wessen Wahrheit? Ein geheimnisvoller Fremder beobachtet uns. Gesellschaftskritik in kreativer Schreibweise. Nicht belehrend. Bild mit KI erstellt.

Tipp zum kritischen Entspannen und Schmunzeln: Schau auch mal in den Tag "ElfCamp". Mehr Mehercule-Texte sind unten verlinkt. Gesellschaftskritik, die Raum zum Denken lässt, anstatt zu belehren. Bei welchen Szenen würde der geheimnisvolle Fremde bei dir zuschauen? Wie würde er bei dir reagieren? Lass es mich gerne wissen. Ich finde, man kann nie genug Sichtweisen kennenlernen.




Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Kommentare


Intuilekt - auf menschlichen Impuls mit KI co-gebrütet und in die Weite gedacht.

In

bottom of page