Mehercule das Chaos
- holunderfraubrigit

- 23. Juli
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 27. Juli
Marktplatz. Geschrei. Endlich schafften sie es, die Randalierer vom Dach zu ziehen. Als der ramponierte Einsatzwagen schließlich wegfuhr, stand da ein Mann. Er schien wie aus dem Nichts aufgetaucht zu sein, eher zu warm gekleidet für die Jahreszeit. Aus der Ferne wirkte sein Anblick unauffällig. Doch seine Haltung zeigte eine Distanz, die ihn auf eine unheimliche Weise fremd und zugleich vertraut wirken ließ.
Der Mann stand schweigend und wie erstarrt da, beobachtete die Szene mit zusammengekniffenen Augen, den Kopf ganz leicht nach vorne gestreckt, während er seine rechte Hand zur Faust ballte. Sein Blick verriet höchste Aufmerksamkeit, vermischt mit Abscheu. Vor ihm drängte sich eine Gruppe gegen eine Reihe Polizisten. Die gingen Schritt für Schritt zurück, während am Rand Leute mit Handys filmten.
Der Fremde starrte.
Seine Gedanken, ganz anders als seine äußere Starre, tobten in ihm: „Diese Stadt versinkt im Chaos. Und was machen die Menschen? Sie rotten sich nicht zusammen gegen den Mob, sie begehren nicht auf, sie suchen einer beim anderen nicht Rat. Sie stehen mit ihren singenden Spiegeln im Dreck, um ihren eigenen Untergang mit Stolz der Welt der Spiegel zu präsentieren“.
Mehercule, beim Herkules – und das ist ein stilles Fluchen – er sieht Handys und Internet, während er das Chaos auf der Straße beobachtet. Dann geht er weg.
Er geht durch andere Straßen. Leuchtreklame. Werbetafeln, so groß wie Häuser. Darunter schleppt eine alte Frau zwei Beutel zu einem Hauseingang. Niemand hält ihr die Tür auf.
In einer Ladenpassage kommt ihm eine lachende Gruppe junger Frauen entgegen. Die Kleidung ist sauber, neu. Die Farben leuchten. Sie tragen mit Reklame bedruckte Taschen der teuersten Tuchmacher. In ihren Händen halten sie kleine singende Spiegel. Sie schweben im Luxus zwischen der Welt der Spiegel und dem Elend ihrer Stadt, mitten hindurch. Da sind die vom Rausch gefressenen Elenden und die im Müll nach Münzen suchenden Alten.
Mehercule – er sieht den Glanz neben dem Elend.
Der Fremde atmete tief durch, fast wie ein Seufzen. Dies war für ihn kein Ort zum Verweilen.
Die Begegnung
Genug gesehen. In Gedanken, hatte er diese Stadt bereits verlassen. Sein Körper irrte langsam und stoisch durch die lauten, nächtlichen Straßen dieser unseligen Stadt. Seine Schritte waren gleichmäßig, einer exakt so lang wie der andere, nur einem Ziel folgend: Heraus hier. Er spürte keinen Hunger, keinen Durst. Er hörte nicht das Geschrei der Menschen, das Klirren der auf Asphalt zerberstenden Flaschen, nicht das harte Tackern spitzer Absätze auf glattem Marmorboden zwischen den vom Rausch Gefressenen.
Er ging einfach weiter, während er sich ganz dem Schmerz seiner Gedanken ergeben hatte.
Mehercule – Er könnte von jeder europäischen Hauptstadt gesprochen haben.
Doch er schwieg, nur seine Gedanken schrien stumm: Wir nannten sie Barbaren.
Doch sie hatten Recht. Ihr Erbe, es ist nicht mehr da. Aber ich sehe mein Erbe, sehe unser Erbe. Aber, Per Iuppiter - ich habe keine Freude daran. Ich bin ein Fremder geworden. Wir haben uns selbst übertroffen. Ad absurdum.
Ich bin ein Suchender geworden.
Ihr Nordmänner, wo seid ihr? Wenn ich doch nur einen von euch fände. So wollte ich euch um Vergebung bitten.
Ein Mann, ein Wort. Ein Genug ist ein Genug. Ihr habt die Wahrheit gekannt, als wir an Größe gewannen und an Hunger: Hunger nach Macht, nach Provinzen, nach Reichtum und Überfluss.
Während quälende Gedanken seine Augen mit Tränen befeuchteten, während sein Blick in die Endlosigkeit starrte und an nichts mehr hängen blieb, da stellte sich plötzlich ein Mann vor ihn.
Er zuckte zusammen.
Diesem Mann war er schon begegnet, vor Ewigkeiten. Und nun stand er vor ihm. Er stand gerade, fast majestätisch und doch weise und versöhnlich. Vor ihm stand ein alter Bauer und ein Krieger. Sein Blick mündete nun fragend in seine feuchten Augen.
Er hat ihn sofort erkannt: „Per Iuppiter! Hagenfried. Du bist es“.
„Du bist groß geworden, und mächtig. Das haben sie gesagt.“ brummte der Alte. Aber seine Stimme klang nicht zynisch. Sie trug einen Klang von Trauer in sich. Doch sein Auge blieb klar, seine Haltung gerade, so wie bei einem Mann, der nichts zu verbergen und nichts zu bereuen hat.
„Ja,“ sagte der Mann, „sie haben mich groß gemacht, und sie haben mich gehasst. – Und wir? Und ich, ich nannte euch einen Barbar. Nun aber gehe ich durch diese Stadt und sehe nur mein Erbe. Ich sehe Straßen, Feuerwagen, Maschinen wie Zauberei. Ich sehe Lüge, Gier, Eitelkeit.
Ich sehe Glanz neben Elend.
Ich sehe Rom, ad absurdum.
Wachstum aus Gier. -
Du hattes Recht, Nordmann.
Du hast die Wahrheit gekannt, schon zu Anfang des großen Wachstums.
Es ist die Frage:
Was ist genug?
Die Antwort kennt nur ein Weiser. Der Narr und die Eitelkeit werden die Antwort niemals finden. Ihnen gehört das Absurdum“.
„Genug ist genug“, sagte der Nordmann.
Seine Hand lag auf der Schulter dessen, dem er einst gegenüber stand, in Hass, in Angst, im verzweifelten Kampf, während die Luft von einer höllischen Gischt aus Blut, Rauch und Staub erfüllt war, und jeder Atemzug schmerzte, so als sei es der letzte gewesen. Da waren jetzt Hände, die sich hielten. Augen trafen sich. Da waren Wahrheit und Respekt.
„Ich danke dir, o Hagenfried“.
„Bleib’ gerade. Wir sehen uns wieder“.


Kommentare