Der Bullshit-Detektor
- holunderfraubrigit

- 8. Juli
- 3 Min. Lesezeit
Offen bleiben ohne alles zu glauben
Manchmal lese ich etwas und denke: „Na klar, das macht Sinn. Das ist ja mal wieder typisch“, und genau dann – wenn ich innerlich schon nicke – sollte bei mir eigentlich eine kleine Warnlampe angehen. Zustimmung. Emotion. Es ist der Moment, in dem ich glaube, etwas verstanden zu haben, der Moment, in dem sich mein Bauchgefühl bestätigt anfühlt. Ich weiß gar nicht, wie oft ich selbst schon darauf hereingefallen bin.
Einen Text auf seinen Wahrheitsgehalt zu überprüfen, ist das Eine. Den Text auf seine Rhetorik und seine Wirkung zu überprüfen, ist der nächste Schritt. Er beginnt da, wo mein Bauchgefühl sich meldet. Ich möchte mit Herz und Verstand informiert und urteilsfähig sein. Ich möchte aber nicht über jedes Stöckchen springen, das irgendjemand mir hinhält. Ich möchte über gar keine Stöckchen springen, ich möchte offene, gute Gespräche mit anderen Menschen führen, die uns nicht trennen, sondern uns erhellen und weiterbringen.
Offenheit ohne Prüfen macht leichtgläubig.
Prüfen ohne Offenheit macht engstirnig.
Beides zusammen macht urteilsfähig.
Hilfreiche Fragen
Ich kann selbst analysieren oder eine KI um Hilfe bitten.
„Analysiere den Text erst mal nicht auf seinen Wahrheitsgehalt, sondern zuerst auf seine rhetorische Wirkung. Welche sprachlichen Mittel und psychologischen Strategien werden verwendet? Trenne zwischen normaler Rhetorik und möglichen manipulativen Techniken“.
Als Nächstes kann ich mich der Frage widmen: „Welche Aussagen in dem Text sind beobachtbare Fakten, welche sind sind Schlussfolgerungen? Was ist Interpretation und was ist Spekulation?
Ich kann mich auch fragen: „was fehlt noch zur Ausgewogenheit, oder welche Gegenargumente oder andere Sichtweisen wären noch wichtig?“.
Diese Fragen können dabei helfen, Offenheit ohne Leichtgläubigkeit zu entwickeln, ohne Gefahr zu laufen, allzu leicht manipulierbar zu werden oder einfach nur mitzulaufen. Ein Schwarm, eine Schwarmintelligenz, benötigt keine Helden oder Könige, aber viele offen denkende, urteilsfähige Menschen mit gesundem Herzen und Verstand.
Es macht Spaß, das mal auszuprobieren. Nimm einen beliebigen Text, einen Post oder ein Video oder mal eine KI-Antwort und stelle diese Fragen. Ich bin aus meiner Erfahrung heraus immer wieder überrascht, was mir dann plötzlich auffällt.
Ganz unabhängig, ob ein Text vom Himmel oder aus der Hölle kommt ;-)
Also ganz unabhängig, aus welchem politischen Lager ein Text kommt, ob er regierungsnah oder regierungskritisch ist, oder ob er aus einer ganz anderen Richtung kommt, liegt hier ein Gewinn beim Umgang mit KI: Ich kann mir von ihr ganz bewusst beide Seiten formulieren lassen und anschließend fragen, welche Argumente belastbar sind und wo der Text hauptsächlich mit Wirkung arbeitet.
Beispiele:
Wenn ein Text mit stark emotionalen Wörtern arbeitet („skandalös“, „katastrophal“, „rettet uns“), mit Pauschalierungen („alle“, „nie“, „immer“) oder mit einem klaren Feindbild, dann sollte mein Bullshit-Detektor besonders hell leuchten. Das könnte auch auf Vereinfachungen zutreffen („Die Elite steuert alles“, „Alle Probleme kommen nur von Populisten“).
Was ist der Bullshit-Detektor
Der Bullshit-Detektor soll nicht in erster Linie beweisen, dass die Anderen irren. Er soll verhindern helfen, dass ich mich selbst zu schnell von einer scheinbar perfekten Erklärung überzeugen und mitreißen lasse. Deshalb ist der Bullshit-Detektor genau das: Nicht ein Werkzeug gegen die Anderen, sondern ein Werkzeug – ein Fragekasten – gegen die eigene Leichtgläubigkeit.
Übrigens: Der Bullshit-Detektor darf auch bei diesem Text gerne einmal anspringen. Ich bin gespannt, was dir auffällt.
Promps – Wenn KI in eine Rolle schlüpft
KI kann nicht nur in Fakten argumentieren oder Fakten erklären. Sie kann auch eine Rolle spielen. Das bedeutet nicht, dass diese Rolle die Überzeugung der KI ist. Sie macht nur, wozu ich sie auffordere. Wenn ich zum Beispiel sage: „Antworte wie ein Verschwörungstheoretiker“, oder „Argumentiere aus der Sicht der 0,1 Prozent“, oder „Schreibe so, als gäbe es eine verborgene Macht, die alles steuert“. Dann wird KI genau das machen. Eine solche Aufforderung nennt man einen „Prompt“. Weiteres Beispiel für einen Prompt: „Wenn mehrere Erklärungen möglich sind, nenne sie und sage, welche am besten durch die vorhandenen Informationen gestützt wird“. Einfach gesagt sind Promps Anweisungen, an die KI, wie sie dir antworten soll. Das heißt: Ich kann Prompts sowohl nutzen, um Populismus und Emotions-Hascherei zu erzeugen, als auch, um sachliche und neutrale Antworten zu erhalten. Weitere Möglichkeiten - außerhalb dieses Themas - wären unter anderem: „Antworte in Metaphern, Bildern“, „Antworte humorvoll, zum schlapp lachen“, Antworte in Versform“ und dergleichen viel mehr.

Bullshit-Detektor ist kein Werkzeug gegen die Anderen, kein geheimes KI-Tool. Er ist eine Frage der Haltung und der Sicht auf Texte und Aussagen, eine Art Alarm-Lampe im Bauch, ein Bauchgefühl, das dich hellhörig machen sollte.
Vorausschau:
Hallo liebe KI
Effektiver Umgang mit KI
Verführerisch formuliert: „Die KI wünscht sich…“ (Achtung Bullshit-Detektor on)
Präziser formuliert: „Aus meiner Erfahrung liefert KI die besten Ergebnisse, wenn…“
Damit befasse ich mich im nächsten Beitrag. Darin soll es um Verantwortung gehen: Was machen wir mit dem, was wir gelernt haben? Wie tragen wir Erkenntnisse verantwortungsvoll weiter?



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