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Herz-Kompass

Autorenbild: holunderfraubrigit
holunderfraubrigit
6. Okt.
3 Min. Lesezeit

Ein poetischer Text über Sekundärverluste und das Verurteilen


Dazu ein Bild:


Im Garten stand ein alter, tragender Baum. Er gab Schatten und prägte mit seiner Gestalt das ganze Grundstück. Vielleicht hat er sogar ein Baumhaus getragen. Dann kam unerwartet ein Sturm und der Baum stürzte. Aber er fiel nicht alleine. Sein Wurzelballen riss die Erde auf und hinterließ ein großes Loch. Beim Fallen rieß er alles mit um, das in seiner Nähe gewachsen ist, den Zaun, das Rosenbeet, die weiße Holzbank die an seinem Stamm stand. Die Gärtnerin steht plötzlich in einem Trümmerfeld.


Nachbarn kommen an den Zaun, sehen den Baum liegen und sagen: „Ach, der schöne Baum. Wie traurig.“ Die Kinder weinen: „Wo ist der Baum? Ach, das schöne Baumhaus. Wie traurig.“ Freunde sagen: „Ach, der schöne Garten. Sag’ wenn Du Hilfe brauchst.“ Die Gärtnerin steht vor dem Loch.


Dann räumt sie ziellos ein paar abgebrochene Äste weg, pflanzt vielleicht eine Wildrose an den zerbrochenen Zaun, setzt einen Johannisbeer-Strauch um, pflanzt eine Walderdbeere und Vergissmeinicht. Sie verteilt aufgewühlte Erde an der Baumleiche, sät Elfenblumen, Hornveilchen und Moosblümchen darauf.

Die eine Gärtnerin beschließt: „Das Loch am Fuße der freiliegenden Wurzel darf bleiben“, während eine andere Gärtnerin in einem anderen Garten das Loch eilig mit Torf und Erde füllt - und einen neuen Rhododendron hinein pflanzt.

Der Garten wird nie mehr so sein, wie er war. Ein Baum fällt nicht alleine. Mit ihm geht noch mehr: die Rose, die weiße Holzbank, der Zaun.


Der erste Sommer


Das ist der Trotz-Garten. „Ich mache den Garten wieder schön. Ich mache es jetzt für dich. Da wo unsere Bank war, steht eine Engelsfigur. Daneben pflanze ich die Erdbeere, von der wir sprachen.“ Später: „Ich ernte für dich.“ Sie erhält den Garten mit Tränen. Auch das ist Liebe: „Schau, ich schaffe das. Ich mache es so, wie wir es gesagt haben. Eine Johannisbeere habe ich auch gepflanzt. Sie brachte sogar ein paar Früchte.“ Die Stimmen um sie herum, die „Ach“ sagten, werden weniger. Es wird still. Sie schreibt ihm Briefe und bewahrt sie in einer Schachtel. Sie repariert selbst den Zaun.


Der zweite Sommer


Jetzt wächst die Wahrheit zu einem Bild heran. Der Garten blüht wieder, doch er ist nicht mehr wie er war. Der Trotz ist aufgebraucht. Der Alltag war kräftezehrend, die Gärtnerin ist müde. Die Erdbeeren hat sie noch genommen. Nun steht sie vor der reich tragenden Johannisbeere und sagt: „Ach, ich will nicht ernten. Alleine macht es keinen Spaß. Ich könnte essen. Aber es schmeckt nicht.“ - Die Johannisbeere nimmt es ihr nicht übel. Sie trägt im nächsten Jahr wieder. Aber die Stimmen, die „Ach“ sagten, sind verschwunden. Die Gärtnerin nennt sie: „Abgebrochene Äste“ und schließt ihr Tor zu.


Moosblümchen:

Oberflächliche Zeit.

Menschen lächeln kurz,

wenn Wurzeln gestorben sind.

Blümchenkontakte.


Fragende Augen sind aus der Ferne auf die Gärtnerin gerichtet.

Sie sagen: „Sie ist stark. Sie ist so hart. Sie hat den Zaun selbst repariert, und sie hat das Tor verschlossen. Wo ist die sanfte Liebe? Sie ist wohl mit Ihm vergangen. Ach, wie traurig.“

An einem anderen Ort sind andere fragende Augen auf eine andere Gärtnerin gerichtet: „Schau, sie hat schon einen neuen Rhotodendron in das Loch gepflanzt, eine neue Liebe, bevor der Sommer vergangen war. Ach, wie traurig.“ - So sprechen Menschen, die am Rand stehen.


Die harten Ränder, sie sind ein Ort des Wertens und der Lautstärke. Der Anlass ist unterschiedlich: Hilflosigkeit oder Angst, Enttäuschung oder Schmerz, Kränkung oder Unverstandensein. Das Ergebnis ist immer das gleiche: Ein Urteil.


Der Herz-Kompass


Ein weltlicher Kompass zeigt die Himmelsrichtungen an, Nord, Süd, West, Ost. – Im übertragenen Sinne: Oben, Unten, Links, Rechts. Seine Nadel zeigt auf die harten Ränder.

Der Herz-Kompass ist anders.

Ich habe etwas kurioses festgestellt: Wenn ich nach Antworten an den harten Rändern suche, finde ich mich – wenn ich versuche, nicht zu urteilen - in der Mitte wieder. Dann hat der Herz-Kompass die Führung übernommen. Er führt mich in die Mitte. Und im täglichen Umgang mit Menschen spüre ich immer wieder, dass ich dort nicht alleine bin. Da sind Viele. Sie ist bewohnt. Aber die Mitte ist leise. Sie wird nicht gehört. Die Mitte ist oft unsichtbar. Aber sie ist da.


Herzen

bleiben weich,

trotz lauter Ränder.

Herz-Kompass, leise Superkraft.

Menschsein.


Kleiner Elf mit dem Mitte-Kompass, zum Mitnehmen für die Hosentasche - Elfchen-Illustration von Meta AI
Kleiner Elf mit dem Mitte-Kompass, zum Mitnehmen für die Hosentasche - Elfchen-Illustration von Meta AI


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die Antwort

nicht am Rand.

Die leise Mitte besitzt

Weisheit.





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