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Genug ist Genug Avera

  • Autorenbild: holunderfraubrigit
    holunderfraubrigit
  • 11. Aug.
  • 3 Min. Lesezeit

Sie hat lange zugesehen, hat lange verstanden. Dann kam dieser eine Tag. Sie hatte die Abkürzung durch den Wald genommen und stand nun auf einer Anhöhe. Gigantische Windräder überragten die Bäume. Der Nebel lag tief. Keine Vögel, nur das leise Wummern der Rotoren.


Genug Sorge


Eine Familie hatte auf einer sauberen Decke Platz genommen. Plastikdosen, Müsliriegel in buntem Staniol. Zwei Kinder, zwischen sechs und acht Jahren, starrten auf Handys. Keine Schrammen, keine Beerenflecke an den Händen. Die Szene glich einem Wohnzimmer am Waldrand.

„Wollt ihr Holunder kosten?“ fragte die Frau. „Nein,“ sagte die Mutter, „Allergie und Dornen“. „Schade“, sagte sie, „die schmecken nach Sommer“. Sie nickte lächelnd und ging weiter. „Manches wächst gerade und manches wächst krumm. So ist die Welt“, dachte sie und ahnte nicht, dass sie an diesem Tag noch schreien würde: „Genug!“, weil manche Dinge nicht mehr wachsen durften.


Genug Wachstum


Bild: Genug ist Genug. Frau steht vor überragenden Windrädern.
Bild: Genug ist Genug. Frau steht vor überragenden Windrädern.

Zwei Stunden später stand Avera in der Stadt, eingekesselt zwischen wütenden Menschen und einer Kette aus dunklen Uniformen. Plakate wogten wie aufgewühltes Schilf. Über allem die skandierenden Rufe: "Genug ist genug!"


Die Lautesten wurden zuerst herausgerissen. Hinter der Absperrung pressten uniformierte Gestalten zwei junge Frauen zu Boden, Arme auf den Rücken gedreht, wie man junge Bäume biegt, bis sie splittern. Da brach etwas in Avera.

Es war wie ein Déjà-vu. Ihr Herz schlug schmerzhaft und hart gegen ihre Brust, während sie ein Brennen in ihrer Kehle herunterschluckte. Sie schwitzte, verlor die Kontrolle.


Genug Gewalt


„Genug jetzt!“, brüllte sie mit einer Stimme, die älter klang als sie selbst, und stürzte dabei zwei, drei Schritte auf die jungen Frauen zu. Ein Polizist stieß sie grob weg, gerade rechtzeitig, bevor sie sich auf die über den Töchtern knienden Beamten geworfen hätte. Sie war rasend vor Schmerz. Die Welt kippte. Für eine Sekunde war sie wieder dreißig, wie damals. Machtlos. Klein.


Sie stieß hart und schmerzhaft mit dem Zeh an die Bordsteinkante. Ein lauter Seufzer: „Au! Beim Hercules!“

In der Tragik lag eine schwarze Komik: Avera-Ikena, die sanftmütige Frau mit dem Holunder, nun rasend vor Wut, sich auf die Polizei stürzend, stieß nun mit dem Zeh an und fluchte wie eine Bärin.


Genug Maskierung


Der Fremde, der alles beobachtet hatte, musste so herzhaft lachen, nicht laut aber aus tiefster Seele, dass ihm Tränen in die Augen stiegen, nur ganz kurz. Dann nahm er wieder Haltung ein, kerzengerade, atmete tief durch und seine Mimik verriet wieder nichts. Ihr Blick lag noch auf ihm, der gerade noch aus tiefstem Herzen gelacht hatte, so warm, so hell und ansteckend. Sie sagte leise: „Manches wächst gerade und manches wächst krumm. So ist das“.


„Ja. So ist es. Und ich bin gerade. So wie Du eben für einen kurzen Moment gerade warst, als Du für die Töchter kämpftest, bis du dir den Zeh angestoßen hast“, sagte er mit Spott in der Stimme.

Sie zog eine Augenbraue hoch und lachte dann:

„So spricht Einer, der krumm ist: Ich bin gerade. Doch versteckt er sich hinter einer Maske. Und wenn die Maske der Härte sich für einen kurzen Augenblick von seinem Gesicht löst, dann schämt er sich seiner eigenen Seele, und wird rot, wie einer, den man beim Lügen erwischt hat“.


Genug Worte


Sie strich ihr langes, rotes Haar nach hinten und ging weg. Er sah ihr einen Moment lang nach und folgte ihr schließlich schweigend, mit respektvollem Abstand.


Bild: Fremde in dieser Zeit. - Fühlst Du dich auch manchmal fremd?
Bild: Fremde in dieser Zeit. - Fühlst Du dich auch manchmal fremd?


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