Winter-Wache
- holunderfraubrigit

- 29. Juni
- 2 Min. Lesezeit
Im Winter zeigen sich die Wächter. Einer sagt: „Abwehr“, das ist der eiserne Wächter. Ein anderer, der Heiler, sagt: „Atmen“. Zwischen Härte und Weichheit entscheiden wir, wie wir bleiben oder werden wollen. Der dritte und vierte Wächter schauen, als würden sie das Ende schon kennen, während ihre Augen auf drei Bilder gerichtet sind:
Die Burg im Winter
Die Mauern werden grau. Das Tor friert zu. Drinnen ist es still. Keine Wärme kommt herein. Die Burg wirkt stark, majestätisch, stolz. Die Burg verteidigt sich gegen den Frost. Alles wird noch härter, lebt aber nicht.
Der Baum in Winter
Er trägt nichts. Er sieht kahl aus. Doch er ist bedeckt mit Raureif, der wie Zucker auf der Rinde liegt. Sein Bild wirkt zerbrechlich, schön, still. Unsichtbar im Dunkel der Erde ist die Wurzel. Sie hält den Baum. Er trägt nicht im Winter. Er sammelt für den Frühling.
Der Fluss im Winter
Er friert an der Oberfläche oft zu. Er sieht fest, belastbar - und tot aus. Unter der Oberfläche indes fließst das Leben weiter, leise, unaufhaltsam. Unter Eis ist er verborgen, unsichtbar.
Ruhe oder Ruine -eine Frage der Haltung
Da spricht der dritte Wächter, der Hüter: „Im Winter trägt er nicht, aber er bleibt. Das ist alles. Kein Baum schämt sich für den Winter. Nur die Burg tut so, als gäbe es ihn nicht.
Der Vierte, der achtsame Wächer lächelt und sagt: „Selbst wenn oben alles zu friert, selbst wenn die Liebe und das Leben unter einem kalten Leichentuch bedeckt sind, so fließst und trägt es doch weiter. Alles was lebt, das trägt und fließst weiter im Fluss der Zeit. Nur die starke Burg, die Stein auf Stein gebaut wurde, die nicht gewachsen ist, bleibt starr und verfällt, wenn der Mensch geht. Alleine, ohne die Hand und den Willen des Lebendigen kann sie nicht bestehen. Aber das Leben selbst, manchmal ruht es, aber es vergeht nicht.

Gebaut zerfällt,
wenn Hand sich löst.
Gewachsen bleibt,
auch wenn es frostet.
Der Winter kommt,
doch Leben ruht.
Wer atmet weiß,
es ist doch gut.


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