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Die weiche Waage

  • holunderfraubrigit
  • 21. Mai
  • 1 Min. Lesezeit

Worte im Nebel – oder: was man nicht sagt


Siehst Du das Messer im Blumenstrauß,

still zwischen Lilien und falschem Trost?

Es schweigt höflich, es blitzt nicht,

es ruft nicht, es steht nur da.

Doch seine Kälte spürte ich im Mund.

Meine Worte haben ihr Licht verloren.


O Veritas, du nackte Leuchtende,

einst göttlich klar und unverhüllt,

dem Licht deiner Unschuld beraubt,

wurdest du in Watte gewickelt.

Dein Glanz ist erloschen.

Nun trägst du Grau über dem Licht,

ein greiges Tuch aus gefälligen Lügen.


Nun wiege ich jedes Wort

auf einer Waage aus Gummi,

biegsam, willig, ohne Rückgrat.

In der Schale des Friedens liegt

das bleierne Siegel des Königs,

schwer, amtlich, drohend.

Deine Schale, o Veritas, bleibt leicht.

Du stehst alleine, fast nackt darin

und wirst oft zu leicht befunden.


Deine Worte, einst wie bunte Blumen:

Wo sind ihre Farben?

Die Farben laufen ineinander.

Konturen lösen sich im Nebel auf.

Was gestern noch kristallen war,

ist heute nur noch „erlaubt“.

Ein Anblick, konturlos, leblos,

wie die verblühte Lilie

mit gebeugtem Stiel.


Zwei helle Boten des Lichts

dürfen sich nicht mehr umarmen:

Wahrheit und Frieden,

einst Geschwister, jetzt Fremde.

Jedes Mal, wenn sie sich nähern,

ertönt ein warnendes Klirren,

und einer muss weichen.

Veritas, wohin gehst du?


Und ich? Ich stehe am Fenster,

die Zunge zwischen den Zähnen,

und lerne das neue Schweigen.

Die Scham meines Schweigens ist groß

und bitter.

Draußen schreit die Welt in rohen Farben.

Drinnen schlucke ich mein Licht hinunter

und weine mit hartem Kiefer,

o Veritas.


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